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Fasten für den Frieden

Fastenzeit: Sieben Wochen steht nun das Leiden Jesu vor Augen – und die Frage, wo sein Kreuz heute steht. Fasten könnte heißen, den Skandal der Kriegspolitik zu durchschauen.
Von Stefan Seidel
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© Foto: epd-bild / Jens Schulze

Es ist wieder so weit: am Mittwoch beginnt die alljährliche Fastenzeit. Vielerorts beginnen Chri­sten das Fasten und lassen sich mit dem Aschekreuz segnen – als Zeichen des Verbundenseins mit dem Weg Jesu. Dieser war ein Kreuzweg – ein Hinabsteigen in tiefstes menschliches Leiden. Eine Marter. Gott hat das Kreuz erwählt als Ort seines Erscheinens in der Welt – das bekennen und beten wir, tapfer und manchmal ohne es wirklich zu begreifen. Gott hat die Asche erwählt, um seine zweite Schöpfung zu beginnen – die Verwandlung des Todes in ewiges Leben und des Leidens in ewiges Lieben.

Nur in diesem Vertrauen kann die Asche der Welt ertragen werden. Wie in einem Akt der trotzigen Vorwegnahme nehmen Christen das Aschekreuz auf sich, wissend, dass es schon der Stoff des neuen, ewigen Lebens ist.

Bisweilen erscheint angesichts dieser Tiefe der Passion Jesu die offizielle Fastenaktion der Kirche wie eine Banalisierung. In diesem Jahr steht sie unter dem Motto »Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen«. Es ist ein Impuls, Zivilcourage zu wagen, Mitgefühl zu zeigen, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen oder zu den eigenen Werten zu stehen. Das ist gut und richtig. Doch antwortet das auf die Frage des Kreuzes? Wo steht das Kreuz heute? Welche Asche zermartert heute die Welt? Das Kreuz trug und trägt doch Namen!

Afrin. Der nordsyrische Ort wird seit Wochen belagert und beschossen – mit unzähligen Opfern. Jemen. Der jahrelange Krieg gegen das südarabische Land wird immer schmutziger. Und dann die unzähligen Kriege und Konflikte, die jenseits der Wahrnehmung passieren. Die Asche ist im Angesicht dieser Kriege Wirklichkeit, kein bloßes Symbol.

Die Asche auf der Stirn. »Herr stärke mich, dein Leiden zu bedenken.« Die Fastenzeit könnte dafür da sein, die Sünde der Gleichgültigkeit zu bekämpfen. Dass uns das Leiden der Welt etwas angeht. Dass wir uns nicht daran gewöhnen. Dass wir im Angesicht der Kriege, der Schlachthäuser, der ertrinkenden Flüchtlinge nicht – wie die meisten – das Weinen vergessen.

Es stimmt, was Papst Franziskus 2013 auf der Flüchtlingsinsel Lampedusa gesagt hat: »Wir leben in einer Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens vergessen hat, des Mit-Leidens: Die Globalisierung der Gleichgültigkeit!« Er bat damals um »die Gnade der Tränen«. Und dass wir auch heute noch die Stimme Gottes hören, die uns fragt: »Wo ist dein Bruder?«

Und so könnte Fasten heute auch bedeuten, die dröhnende Meinungsmache der Mächtigen ins Leere laufen zu lassen und selber zu sehen und zu fühlen. Dann erscheint es schlicht als Skandal, dass Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur die Kriege auf der Welt anheizt. Fasten könnte heißen, die Nahrung der Kriegsapostel zu verweigern, die Rhetorik der Kriegstreiber zu durchschauen und zu erkennen, was Jesus schon erkannte: Frieden entsteht nicht durch Abschreckung und Aufrüstung. Sondern durch Abrüsten, im Dialog, im Bereitsein zum Teilen.

Fasten heute könnte bedeuten, das Säbelgerassel der NATO-Chefs und vermeintlichen Sicherheitspolitiker zu ignorieren und den Skandal der Zahlen auf sich wirken zu lassen: dass alle zehn Sekunden ein Kind an den Folgen von Unterernährung stirbt. Und gleichzeitig die deutschen Militärausgaben bis 2024 auf zwei Prozent des Brutto-Inlandprodukts steigen sollen: das wären rund 70 Milliarden Euro. Nicht für Maßnahmen gegen Hunger und für Bildung, sondern für Panzer und Bomben. Fasten könnte heißen, neu zu fragen: Wem nutzt diese Kriegspolitik eigentlich?

Fasten für den Frieden könnte tatsächlich bedeuten, sich zu zeigen. Zum Beispiel auf der Demonstration gegen die NATO-Sicherheitskonferenz am 17. Februar in München. Oder in der konkreten Solidarität mit Leidenden.

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17 Lesermeinungen zu Fasten für den Frieden
manuel schreibt:
08. Februar 2018, 14:05

Also dies erscheint mir doch aber ein wenig zu platt. Zu einseitig wird mir auf die "Nato-Chefs" gezeigt. In Orient entladen sich vor allem Auseinandersetzungen zwischen der Türkei, dem Iran und Saudi-Arabien, die alle drei um die Vorherrschaft im Orient kämpfen. "Kriegstreiber, Kriegsapostel" uva. - das erinnert ja an frühere Zeiten einer Einheits-Presse, die auch immer gegen die NATO-Kriegstreiber wetterte. Und "wem es nutzt" - vermutlich dann den Rüstunsgsfirmen und dem Monopolkapitalismus - und natürlich Deutschland, was aus Profitgier die Kriege anheizt. Schließlich verdienen wir ja dran. Wie sehr sich doch das SED-Propaganda-Vokabular früherer Tage hält und fröhliche Urständ feiert - verbunden mit der üblichen Einseitigkeit - gegen NATO und gegen USA...

Beobachter schreibt:
08. Februar 2018, 19:23

Man sollte eben auf den Lieben Herrn Drewermann hören!

Gert Flessing schreibt:
09. Februar 2018, 10:52

Lieber Herr Seidel,
die offizielle Fastenaktion der Kirche hat etwas mit unserem Glauben zu tun. Wie oft kneifen Christen, wenn es darum geht, sich zu Jesus, als dem Christus, und zu ihrem Vertrauen in Gott, zu bekennen.
Es wäre schon gut, wenn es Christen schaffen würden, sieben Wochen lang nicht ihren Glauben zu relativieren, sondern offen dazu zu stehen.
Das Kreuz steht auf Golgatha. Es ist der Ort der Kraft für den, der glaubt.
Wir sollten es nicht relativieren, indem wir es mit dem Leiden der Welt unserer Tage vermischen.
DAS Kreuz trägt den "Namen" INRI".
Wenn wir uns nicht unter dieses Kreuz stellen und zu diesem Jesus von Nazareth bekennen, ist alles, was wir so an Engagement versuchen, nichts anderes als der menschliche Versuch, gut zu sein.
Ja! Es gibt weltweit elend, Not, Gewalt und Tod.
Nicht anders, als zu der Zeit, als Jesus an das Kreuz geschlagen wurde.
Die Kraft mitzuleiden und Not zu lindern finden wir nur, wenn wir uns bewusst machen, das wir in Jesus und seinem Kreuz allein Weg Wahrheit und Leben finden.
Das sieben Wochen lang zu bekennen dürfte für viele, die sich so Christen nennen, schwer genug werden.
Gert Flessing

Johannes schreibt:
09. Februar 2018, 15:01

Lieber Herr Flessing,
das interessiert mich nun doch, wie, z.B. der Einsatz für eine gerechte Welt, der sich unter das Kreuz Christi stellt, sich unterscheidet von dem ohne öffentliches Bekenntnis zu Jesu Kreuz? Ich meine das nicht ironisch, aber ich verstehe Sie nicht. In Leipzig läuft z.B. eine Frau herum, die an einer Stange das Schild trägt: Jesus lebt! Das ist ein schönes Bekenntnis, aber kein Einsatz für weltweite Gerechtigkeit. Wie meinen sie also: "Das sieben Wochen lang zu bekennen dürfte für viele... schwer genug werden."?
Mit freundlichem Gruß
Johannes

Gert Flessing schreibt:
09. Februar 2018, 17:33

Lieber Herr Lehnert,
unsere Kirche krankt nicht an einem Mangel gesellschaftlichen Engagements. Das haben wir, landauf, landab, in den Gemeinden.
Wir haben auch recht viel Einsatz für weltweite Gerechtigkeit, von fair gehandeltem Kaffee, bis hin zu nachhaltigem Klopapier.
Was wir aber auch haben, ist eine christliche Sprachlosigkeit im Alltag.
Seit Jahren versuche ich das immer wieder in den verschiedenen Kreisen zu thematisieren. Immer wieder höre ich dann: "Wie sollen wir denn davon reden. Sie haben das studiert."
Aber ich habe eben auch nur meinen Glauben und mein Bekenntnis und meine Worte.
Nicht mehr.
Da läuft also in Leipzig eine Frau rum. Sie hält ihr Bekenntnis hoch.
Eine! Das ist schön. Wissen Sie, lieber Herr Lehnert, was sie vielleicht an Aktivitäten hat, wenn sie dieses Plakat nicht hoch hält?
Ich weiß es nicht. Aber ich würde ihr, trotz ihres plakativen Bekennens das, dem entsprechende, Handeln nicht absprechen wollen.
Gert Flessing

Beobachter schreibt:
10. Februar 2018, 8:47

Ja, so unterschiedlich sind die Menschen! Die einen beklatschen zusammen mit linken Chaoten Imane in KIrchen. Die anderen stehen öffentlich zu ihrem christlichen Glauben und müssen sich von erteren beschimpfen und Untätigkeit vorwerfen lassen!

Marcel Schneider schreibt:
10. Februar 2018, 21:12

Halt! Sie haben die dritte Gruppe vergessen. Die ist an einer sachlichen Diskussion nicht interessiert, wählt eine Partei, die aus Holocaustleugnern, Rechtsextremen, Verschwörungstheoretikern, Esoterikern und Reichsbürgern besteht, die sich unterstem Gassenjargon bedienen und mag es, lieber zu intrigieren statt zu integrieren. Hm, da fällt mir jemand hier ein...

Beobachter schreibt:
11. Februar 2018, 15:22

Halt! Sie haben eine Gruppe vergessen , die man getrost der ersten zuschlagen kann. Die ist an einer sachlichen Diskussion nicht interessiert, hetzt gegen eine Partei, die von 6 Millionen demokratisch als 3. stärkste (in Sachsen zweitstärkste!), gewählt wurde!
Diese "Gruppe" die sich unterstem Gassenjargon bedient, mag es, lieber zu intrigieren und vollkommen uninformiert und unreflektiert hetzerisch nachzuplappern, was von Verlierern(parteien) und "KIrchenfürsten" vorgegeben wird, statt zu integrieren und an einer sachlichen Diskussion interessiert zu sein!! Hm, da fällt mir jemand hier ein...

Johannes schreibt:
12. Februar 2018, 22:42

Übrigens: Gegen die Partei, die von 6 Mio. demokratisch gewählt wurde, muss man gar nicht hetzen. Sie zersetzt sich selbst:
"Berlin: Wegen schwerer Beschimpfungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist der AfD-Politiker Peter Boehringer erneut in Erklärungsnot geraten.

Vor seiner Wahl zum Vorsitzenden des Haushaltsausschusses des Bundestags hatte Boehringer wiederholt bestritten, die Kanzlerin als "Merkelnutte" bezeichnet zu haben. Der "Spiegel" zitiert in seiner neuen Ausgabe nun aber aus einer E-Mail mit einer solchen Wortwahl, die Boehringer verfasst haben soll. Darin heiße es offenbar in Bezug auf die Flüchtlingspolitik: "Die Merkelnutte lässt jeden rein, sie schafft das." Es handele sich "um einen Genozid, der in weniger als zehn Jahren erfolgreich beendet sein wird, wenn wir die Kriminelle nicht stoppen".
Der AfD-Politiker aus Bayern war sich seiner unflätigen Wortwahl offenbar bewusst: „Wer sich über die Sprachwahl in diesem Mailing aufregt: einfach abmelden.“ Es handele sich um die „einzige angemessene Sprache ... gegen Merkel“. „Die Alternative zum Nicht-Widerstand gegen diese Dirne der Fremdmächte ist der sichere Bürgerkrieg, den wir ab spätestens 2018 dann verlieren werden!“

meldet die FAZ
J.L.

Beobachter schreibt:
13. Februar 2018, 12:24

Was ist daran "Zersetzung", wenn man in drastischer Sprache die Wahrheit sagt? Warin Ihren Augen Luthersprache auch "Zersetzung"?
Übrigens, zum Thema Zersetzung der AfD die aktuellen Zahlen:
Insa-Umfrage sieht SPD nur noch bei 16,5 Prozent – Knapp vor AfD mit 15 Prozent

Die "GroKo"-Parteien rutschen weiter ab: CDU /CSU kommen auf 29,5 Prozent, die SPD auf 16,5 Prozent.

Auch der Verzicht von Martin Schulz hilft nicht mehr: Nach den Turbulenzen um den scheidenden SPD-Chef Martin Schulz kommen die Sozialdemokraten in einer neuen Umfrage nur noch auf 16,5 Prozent. Damit liegt die SPD gerade einmal 1,5 Prozentpunkte vor der AfD, die unverändert 15 Prozent erreicht, wie aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa hervorgeht, die die „Bild“-Zeitung am Montag online veröffentlichte.

Aber auch die Unionsparteien verlieren danach an Zustimmung: Gemeinsam erreichen CDU und CSU nur noch 29,5 Prozent (minus einen Punkt im Vergleich zur Vorwoche). Damit kommen SPD und Union zusammen auf 46 Prozent und verfehlen erneut eine parlamentarische Mehrheit als große Koalition

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