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Gegen fanatische Gifte

Plädoyer: Israels bedeutender Schriftsteller Amos Oz warnt in seinem neuen Buch vor Intoleranz und einfachen Lösungen. Für Israel sieht er nur einen Weg zum Frieden: die Zwei-Staaten-Lösung.
Von Matthias Caffier
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Unermüdlicher Friedensmahner und Israels Großliterat: Amos Oz. Am 4. Mai ist er 79 Jahre alt geworden. © Foto: Ralf Zoellner/epd

Von Fanatikern aller Couleur geht derzeit die größte Gefahr aus, besonders im Nahen Osten. Der israelische Schriftsteller Amos Oz hat sich nicht nur in seinen wunderbaren Erzählungen und Romanen, sondern auch in Essays immer wieder mit diesem Phänomen beschäftigt. Drei davon – in zum Teil überarbeiteter Form – hat der Suhrkamp Verlag jetzt in dem Band »Liebe Fanatiker« vorgelegt.

Oz, 1939 in Jerusalem geboren, in einem Kibbuz sozialisiert und bei der israelischen Friedensbewegung »Peace Now« engagiert, äußert sich darin aufgrund seiner Erfahrungen als »eine Art Fachmann für vergleichenden Fanatismus«. Schon im titelgebenden Essay macht er sich Gedanken über das Wesen des Fanatismus, insbesondere der Neuen Rechten in Israel und entkoppelt das Phänomen des Fanatismus von dem der Religion, indem er befindet, Fanatismus liege in der menschlichen Natur, sei ein »schlechtes Gen« mit den Charakteristika einer ansteckenden Krankheit. Diese äußern sich im Unwillen zu diskutieren, im Konformismus und dem damit verbundenen Mangel an Toleranz gegenüber Andersdenkenden; Humorlosigkeit und Selbstmitleid inklusive.

Einen Grund für die weltweite Zunahme der Fanatismus-Wellen seit dem 11. September 2011 sieht Amos Oz in der wachsenden Sehnsucht nach einfachen Lösungen, nach Erlösung »auf einen Schlag«: Je komplexer die Fragen unserer Zeit, desto ausgeprägter die Sehnsucht nach Antworten, die »ohne Zögern auf jene weisen, die Schuld an dem Elend sein sollen«, befindet er.

Neben den extremistischen Fanatikern von Al Kaida, über den IS bis hin zu Neonazis und Antisemiten entdeckt Amos Oz aber auch weniger auffallende und offensichtliche Fanatiker in unserer unmittelbaren Nähe – und »manchmal auch in uns selbst«, seien es der fanatische Nichtraucher oder der nicht weniger fanatische Vegetarier. Dabei gesteht er jedem das Recht zu, lautstark für seine Überzeugung zu werben, warnt aber zugleich vor jeglicher Intoleranz und fordert dazu auf, »niemandem Schmerz zuzufügen«.

Ein Fünkchen Hoffnung schöpft Amos Oz daraus, dass die meisten Menschen auf der Welt »einem gemäßigten Glauben anhängen, der Gewalt und Mord ablehnt«. Das gälte auch für den Islam. Und noch eine zweite Gegenkraft benennt er: die (israelische) Kultur. Gerade die Schriftsteller sprudeln als »Lebensquellen in der Gegenwart«, weil sie immer wieder tiefe und bedeutende religiöse Einblicke ermöglichen. So wie es Oz in seinem eigenen literarischen Oeuvre selbst tut.

Im abschließenden Plädoyer thematisiert Amos Oz die für ihn und sein Land zentrale Frage nach »Leben und Tod des Staates Israel« und plädiert für eine Zweistaaten-Lösung mit den Palästinensern. Der Zeitpunkt für diese Lösung sei jetzt günstig wie nie; gäben die israelischen Hardliner ihre fanatische Feindschaft gegen die Araber nicht bald auf, führe das am Ende nur zu einem arabischen Staat »vom Mittelmeer bis zum Jordan«.

Das Büchlein »Liebe Fanatiker« hat Amos Oz seinen vier Enkelkindern gewidmet; vielleicht ein Vermächtnis des Autors, der sich durch den alltäglichen Fanatismus existentiell betroffen fühlt und nicht müde wird, zum Dialog aufzurufen.

Amos Oz: Liebe Fanatiker. Drei Plädoyers. Suhrkamp Verlag 2018, 143 Seiten, 18 Euro.

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